23. 10. 2026
Harald Neuber
Chinas Staats- und Regierungschef Xi Jinping hat in der Großen Halle des Volkes in Peking eine programmatische Rede zum 90. Jahrestag des sogenannten Langen Marsches gehalten.
Kommentar GB:
Es ist auffällig, daß die Ängste, die mehr oder minder offen in der westlichen Publizistik sich ausdrücken, sich nicht selten als Projektion eigener verleugneter Motive erweisen. Der je andere wird gar nicht verstanden als das, wer und was er eigentlich ist. Das gilt allgemein, hier aber für China, das Land der Mitte, das bekanntlich zu einem frühen Opfer europäischer Geschäfts- und Machtinteressen wurde, bis hin zu so moralisch besonders hochwertigen Veranstaltungen wie den Opiumkriegen durch die Briten, über die in Europa gern geschwiegen wird. Wer weiß, vielleicht haben die Briten seit Drake ihre Piratenmentalität bis heute nicht wirklich hinter sich gelassen? Oder wie erklärt sich das aktuelle militärische Engagement der Briten in der Ukraine sonst; vielleicht weiß Boris Johnson dazu mehr ?
China kehrt nach seiner Neugründung und dem Beginn seiner Wachstumsstrategie allmählich in seine frühere historisch stabile Dominanzposition zurück, nun aber auf dem Niveau des heutigen Standes der Produktivkräfte. Die Folge sind Turbulenzen durch den Übergang zu einer multipolaren Ordnung, die die unipolare Phase nach dem Ende der Sowjetunion 1989 ablöst und hinter sich läßt. Der Westen reagiert darauf im Grunde mit derselben Aggressivität, die bereits beim Erstkontakt mit dem chinesischen Kaiserreich zu sehen war. Aus chinesischer Sicht zeigt sich darin m. E. so etwas wie ein konstanter schlechter Charakter des Westens, der friedlichen internationalen Beziehungen nicht traut und sie auch gar nicht wirklich will, sondern lieber machtpolitisch und militärisch eingreift, wo immer es opportun erscheinen mag.
China hat in 4000 Jahren ein vergleichbares Verhalten m.W. zu keiner Zeit praktiziert, sondern durch sein schieres kulturelles Gewicht das gesamte Ostasien und weitgehend auch Südostasien dominiert, größtenteils durchaus zum Nutzen der peripheren Reiche und Kulturen – was im Grunde noch heute so ist. In der ferneren Vergangenheit lag die kritische Front Chinas im Norden, in Richtung der Mongolei, so wie auch im Römischen Reich die Nordgrenze die kritische war.
Erst seit Beginn der Neuzeit verlagerte sich die kritische Front zur Küste, dort, wo die Seemächte anlandeten. Die chinesische Insel Formosa ist auch heute noch chinesisch, wenn auch nicht Teil der zentralen Staatlichkeit des Festlandes. Sie ist stattdessen faktisch Teil der heutigen kritischen Frontlinie der pazifischen Seemacht USA, die den ersten und zweiten Inselbogen von den Philippinen im Süden bis Japan im Norden umfaßt. Und es wird im Westen als selbstverständlich aufgefaßt, daß westliche Marinen nahezu in Sichtweite der chinesischen Küste unterwegs sind, selbst im südchinesischen Meer, das für China strategisch und maritim von zentraler Bedeutung ist.
Von chinesischen Marinemanövern im früheren Golf von Mexiko, der heute seit Donald Trump Golf von Amerika genannt wird, hat bisher aber niemand gehört. Ist das nicht seltsam und bemerlkenswert?


