Kian Kermanshai schreibt an Prof. Dr. Susanne Schröter

18.09.2026

Hartmut Krauss schreibt mir (GB):

„Die massenmediale Öffentlichkeit unter spätkapitalistischen Bedingungen war und ist herrschaftsstrategisch strukturiert und operiert u. a. mit gezielten Exklusions- und Inklusionsmechanismen.(Man nennt das dann „Unsere Demokratie“). Durch die sozialen Medien wird diese Kulisse z.T. durchaus effektiv untergraben, wie ich auf Facebook ganz gut beobachten kann. Das ist so etwas wie eine oppositionelle kommunikative Subkultur, die zur Erosion der ideologischen Hegemonie  seitens der systemtragenden Kräfte beiträgt.

Kian Kermanshai griff meinen Hinweis auf und postete auf seiner FB-Seite eine griffige Kritik an Schröter.

Er schrieb mir:

„Habe auf Facebook ein Statement gepostet. danke dir, dass du mich daran erinnert hast, wie sehr man sich gegen diese „Expertin“ stellen muss.“

Hier sein Statement:

„Sehr geehrte Frau Schröter,

Ich möchte das nicht vorschieben, als hätten sie keine besondere Bildung in Sachen Islam genossen oder wären nicht akademisch gebildet, das wäre ja nichts anderes als ein Argument von Autorität, und das wäre ein logischer Trugschluss, aber im Gegensatz zu Ihnen habe ich eine echte islamische Ausbildung durchlaufen – kein Islamstudium im Westen, das den Islam mehr romantisiert, als in seine unbequemen Grundstrukturen zu schauen, sondern an einer großen islamischen Institution, der Ḥauza Ilmiyya, die theologische Hochschule von Qom (Iran). Sie ist die größte und einflussreichste islamische Hochschule der Schiawelt. Des Weiteren habe ich tiefe Einblicke in die Theologiewelt der Sunniten gewonnen und kann mit Recht behaupten, auch darin mittlerweile viel zu wissen.

Und hier ist, wo ich Sie kritisieren muss: Nach so vielen Jahren, in denen Sie in den Islam hineingeschaut haben, machen Sie immer noch so viele Denkfehler. Lassen Sie mich hier erklären, worin Ihre Fehler bestehen.

Erstens: Es gibt keine „li(e)beralen“ Muslime. Es gibt Muslime, die entschieden haben, wie ein Chemielaborant die guten Teile des Islam mit westlich-säkularen Werten zu vermischen. Das sind keine schlechten Menschen, aber auch keine „guten“ Muslime im Sinne dessen, was Mohammed durch den Koran und die Sunnah (Handlungen & Ausprüche) etablieren wollte.

„Fundamentalisten“ sind nichts weiter als jene, die sich verpflichtet haben, sich treu an den Koran und die Sunnah Mohammeds zu halten. Sie sind keine extreme Spezies innerhalb des Islams; sie sind diejenigen, die der islamischen Dogmenlehre am nächsten sind oder, besser gesagt, die den Islam am authentischsten praktizieren.

Was Sie mit „Freigeistern“ meinen, weiß ich leider nicht, da man im Islam an die Dogmenlehre gebunden ist und Freigeisttum diametral zum Islam steht. Der Islam ist ein abgeschlossenes Weltbild mit einem abgeschlossenen Sitten- und Moralkodex sowie einem abgeschlossenen Bild von Richtig und Falsch. Freidenkertum hat im Islam keinen Platz, da Freidenkertum oft Agnostizismus, Atheismus oder die Absage an religiöse Dogmen beinhaltet.

In der klassischen islamischen Jurisprudenz (Fiqh) gilt der Abfall vom Glauben oder die Abweichung von den Lehren als Bidʿa (unerlaubte Erneuerung) nicht als reine Privatsache, sondern als ein Vergehen gegen die staatliche und gesellschaftliche Ordnung des Islam, auf das traditionell die Todesstrafe oder zumindest die gesellschaftliche Exkommunikation steht.

Ich bezweifle, dass es anerkannte „Freidenker“ in der islamischen Welt gibt, die nicht im Konflikt mit den fundamentalen Lehren des Islam oder den muslimischen Klerus stehen. Denn die orthodoxe islamische Theologie wehrt sich bis heute erfolgreich gegen das „Freidenkertum“ – was immer Sie darunter verstehen. Das liegt vor allem an den tief verankerten strukturellen und theologischen Faktoren des Islam.

Wenn Sie das Prinzip der Nachahmung (Taqlīd) versus eigene Vernunft (Idschtiihād) meinen, dann muss ich sie enttäuschen, DAS hat mit Freidenkertum wenig zu tun. Nach dem Zusammenbruch der rationalistischen Schulen wie den Muʿtaziliten, die versucht haben, die Vernunft über blinden islamischen Dogmatismus zu stellen, und damit bereits ganz am Anfang ihrer Entstehung scheiterten, setzte sich in den meisten islamischen Rechtsschulen(Hanafi, Hambali, Schafii, Maliki, Jafari) die Auffassung durch, dass die wesentlichen theologischen und rechtlichen Fragen bereits im Mittelalter endgültig entschieden wurden. (Imam al-Ghazālī lieferte die Sargnägel.)

Selbstständiges, freies Denken außerhalb der etablierten islamischen Normen gilt seither schnell als unzulässige Neuerung (Bidʿa).

Sie verschleiern leider, dass Demokratie im Islam als Götzendienst (Schirk) betrachtet wird, denn die Hākimiyya, die göttliche Souveränität, gebührt allein Gott: „Lā ḥukma illā lillāh“ (Es gibt keine Herrschaft außer durch Gott). Ein System, in dem das Volk durch Mehrheitsbeschluss entscheidet, was erlaubt (halāl) oder verboten (harām) ist, gilt in dieser Logik als götzendienerischer Eingriff in die Rechte Gottes und diese Auffassung werden tausende islamische Gelehrte mit mir teilen und nur wenige werden ihrer Auffassung sein.

Mehrheitsentscheidungen werden im Islam abgelehnt, da die Wahrheit im Islam nicht durch Quorumsbeschlüsse definiert werden kann, sondern durch das, was der Koran und Mohammed als Wahr betrachten.

Und hier ist Ihr größter Denkfehler nach so vielen Jahren, in denen Sie sich mit dem Islam befassen, wissen Sie noch immer nicht die einfache Grundregel: Was Muslime über den Islam sagen oder wie sich Muslime selbst definieren (Demokrat, Freidenker, li(e)beral), ist völlig unbedeutend.

Wichtig ist, was der Islam über sich selbst sagt – und die Rechtsschulen sowie die einflussreichsten islamischen Institutionen. Diese würden Ihnen sofort widersprechen.

Sie sehen doch, was der Realo-Islam tagtäglich anrichtet; Sie sehen doch, was der Realo-Islam Frauen, anderen Religionsgemeinschaften und Minderheiten antut. Dennoch tun Sie immer noch so, als wären die lächerlichen ideologischen Abweichungen unter Muslimen auch so etwas wie „Islam-Light“, „Freidenkertum“ oder „Li(e)beral“, nur weil diese sich entschieden haben, sich von den beschämenden und zutiefst antiintellektuellen Lehren des Islam zu distanzieren und einen Fantasieislam a la Seyran Ates zu entwerfen. Das ist nicht der Islam; das sind laxe, nicht-gläubige (Kultur)Muslime, die einfach entschieden haben, Teile des Islam zu ignorieren.“  –

Hervorhebungen: GB

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