Gleichheit zu postulieren, das ist ein Grundpfeiler eines modernen Feminismus. Unterschiede zwischen den Geschlechtern werden hierbei allein auf Erziehung und Kultur zurückgeführt. Aber was, wenn sie doch auf die Natur zurückgehen?
https://www.deutschlandfunk.de/natur-kultur-geschlecht-feminismus-und-die-kleinen.1184.de.html?dram:article_id=477746
Kommentar Tom Todd:
Moin! Hier meine Reaktion auf den ersten Teil (meine bescheidenen 2 cents).
Ehrlich gesagt, besteht die erste Hälfte aus purem feministischen Propaganda bzw. Geschichtsverfälschung.
Diplomatischer gesagt, verwechselt die Autorin Beschreibung und Begründung einer Gesellschaftsordnung.
Die Tatsache, dass die Machteliten die Ordnung als gottgegeben beschrieben haben, ist kein Grund, dieser Legitimationsversuch als bestimmender Entstehungsfaktor der Geschlechterverteilung in den gesellschaftlichen Funktionen zu definieren. Mit anderen Worten: die (vermeintlich) göttliche Legitimation kann nicht einfach als Absicht gedeutet werden, wie die Autorin (und der Feminismus schlechthin) dies tut.
Die Deutung der Geschichte vor der „Emanzipation der Frauen“ (als hätte es keine der Männer gegeben) als frei ausgesuchte Beherrschung der Frauen durch Männer ist so einfältig wie auch falsch. Und die Autorin deutet die Geschichte auch so, denn die Gottgegebenheit wird ja angeführt als eine manipulative, also bewusst irreführende Legitimation für eine ungerechte Gesellschaftsordnung. Dieses als Unrecht zu definieren, bedeutete aber, der damals vorherrschende Glauben an eine göttliche Ordnung wäre der (aber erst später erfundenen) Aufklärung durch die Vernunft und Empirie vorgezogen worden, als hätte es für den Glauben wählbare Alternativen gegeben.
(Nur nebenbei: diese Art der rein sprachlich-interpretativen Argumentation ist dem postmodernen Feminismus eigen und ganz typisch, denn sie setzt auf die (De-)Konstruktion durch Sprechakte.)
Es ist m.E. zu bestreiten, dass es im Wesentlichen Alternative zu der damaligen Arbeitsteilung der Geschlechter hätte geben können, denn schon alleine die Verteidigung der eigenen Ressourcen, die das schiere Überleben sicherten, wäre ohne diese Arbeitsteilung nicht zu gewährleisten. Wie zum Teil heute auch noch, allerdings immer weniger geschlechtsspezifisch, hauptsächlich der Technologie wegen.
Schon sind die Prämissen also für den Argumentationsstrang falsch, erst recht dann, wenn die Autorin behauptet, mit Judith Butler hätte sich der Feminismus endgültig aus den Fängen der Natur befreit („die Natur ist ein Nazi!“, wie eine junge Frau mir gegenüber einmal die Tatsache ihrer Gebärfähigkeit und alles, was damit zusammenhängt, kommentierte).
Diese Prämisse der schlichten Unterwerfung der Frauen ist in der Logik identisch mit den Ansprüchen nach paritätischer Teilhabe, oder zumindest papageienhaft reproduziert, sozusagen im trotzigen Umkehrschluss. Auf Grund des Geschlechts wird Parität beansprucht. Dass dies nur für bestimmte und dann auch lukraitve Aufgaben und Funktionen gelten soll, ist allerdings dann wieder nur ein Beweis für ein zentrales Anliegen der meisten Frauen: bevorzugte Versorgung (was ja wiederum evolutionsgeschichtlich erklärt werden kann).
Allerdings schafft die Autorin mit einem Kunstgriff die Gedankenwende, um die Überlegung wieder zu beleben, es gäbe vielleicht bestimmende Momente der biologischen Grundlage auch menschlichen Lebens im Geschlechterverhältnis unserer Gesellschaft. Ein Teil des Kunstgriffs ist die Begründung der Diversität mit Genetik; so ist plötzlich die Natur chaotisch-anarchische Schöpferin der Vielfalt, weil sie genetische Abweichungen wie XXY produziert, mit der die Autorin implizit in der Argumentation die genetische Kombinatorik als Erklärung der Natürlichkeit von Homosexualität anführt (hier gibt es keine eindeutigen Erkenntnisse des Zusammenhangs in der Wissenschaft) .
Ganz abgesehen davon, dass diese genetischen, auf seltene Fehlkonstruktionen beruhende Besonderheiten eigentlich wenig bis nichts mit Homosexualität (Homoerotik) zu tun haben, sind sie nicht teil eines Spektrums der Geschlechtlichkeit, das alle genetischen Variationen eine Identität jenseits von dem dimorphen Geschlechterordnung gibt. Es sind jeweils ungewöhnliche Formen des auf Dimorphismus aufbauenden Chromosomensatzes (XXY, nur ein X, oder drei und mehr X-Chromosomen) . Die weitere Ausdifferenzierung des Geschlechts beruht ausschließlich auf die (fehlende) Wirkung von Androgenen nach (ausbleibender) Bildung der Hoden; triggert das SRY-Gen auf dem Y-Chromosom also nicht die Bildung von Hoden und damit die darauf folgende Ausschüttung von Androgenen, verläuft die Entwicklung weiblich. Mit einem Taschenspielertrick versucht die Autorin also zu suggerieren, alle mit Vielfalt gemeinten Formen der Geschlechtlichkeit seien naturgemäß, da von natürlichen Prozessen zumindest mit bestimmt.
Abgesehen davon, dass einige vernünftige Überlegungen über die möglichen oder tatsächlichen Einflüsse der genetischen und hormonellen Veranlagung zum Schluss doch präsentiert werden, ist das Ganze voller Falschinformationen. – +++


